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Jahrbuch, 2007
Veröffentlichung im Jahrbuch des Immanuel-Kant-Gymnasiums (2007)

Immanuel Kant und Yulissa Kant

Was hat Immanuel Kant mit Puquio zu tun, einer „Kleinstadt“ in den Anden Perús? Auf den ersten Blick scheint keine Verbindung zu bestehen, hat doch der berühmte deutsche Philosoph seine Heimatstadt Königsberg zeit seines Lebens nicht verlassen. Und trotzdem hat er, sozusagen posthum und unfreiwillig, einem heute zehnjährigen peruanischen Mädchen zu einem grundlegenden Kinderrecht verholfen, dem Recht auf einen eigenen Namen.


Yulissa Kant
Yulissa Kant


Yulissa heißt dieses kleine Mädchen. Kurz nach ihrer Geburt wurde sie auf einer Müllkippe ausgesetzt, quasi „entsorgt“ – die Würde des Menschen ist (un)antastbar?!. Eine Einwohnerin Puquios hat sie gefunden und in das dortige Erziehungszentrum gebracht. Bald wurde deutlich, dass sie körperlich und geistig behindert ist und ihr weiteres Leben in diesem Erziehungszentrum verbringen würde. Lange stand hinter ihrem Vornamen ein N.N., bis die Lehrer und Betreuer ihr einen Nachnamen gegeben haben: Heute heißt sie Yulissa Kant.


Das Puquio-Projekt am Immanuel-Kant-Gymnasium

Für die Bildung und Erziehung von Kindern wie Yulissa hat das Immanuel-Kant-Gymnasium seit vielen Jahren Verantwortung übernommen. Behinderte Kinder leben in Perú, besonders in den Anden, unter oft unwürdigen Verhältnissen, zu deren Verbesserung wir gemeinsam bei-tragen möchten mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Denn diese Kinder haben im eigenen Land keine Lobby, die sich für sie einsetzt. Der Staat, ökonomisch durch Korruption und Misswirtschaft über Jahre hinweg geschwächt, sieht in ihnen „unproduktive Mitglieder“ der Gesellschaft, in die zu „investieren“ es nicht lohnt. Auch gilt für viele Peruaner, besonders in den Anden, eine Behinderung immer noch als Strafe Gottes, was zu Ausgrenzungen und zusätzlichen Benachteiligungen führt. Die noch bis vor wenigen Jahren übliche offizielle Bezeichnung dieser Kinder als „menosvalisdos“ als „minderwertig“, spiegelt dieses Denken wider. Heute hat sich zumindest diese Bezeichnung geändert: Man spricht von „ninos especiales“, von „besonderen“ Kindern.

Aus dem Wissen um die Situation behinderter Kinder in den Anden Perus ergibt sich für uns die Verpflichtung zur Hilfe. Auch wenn wir soziale Ungerechtigkeit nicht verursacht haben, sind wir doch in der Lage – ohne auf grundlegende Bedürfnisse zu verzichten – unseren Beitrag zu leisten zur Verringerung dieser Ungerechtigkeit. Perú und Puquio stehen für uns dabei stellvertretend für alle Länder, in denen Kinderrechte nicht beachtet werden.


Das Erziehungszentrum für behinderte Kinder Immanuel Kant in Puquio

Karte von Peru
Karte von Peru


Puquio ist eine 13000 Einwohner zählende Kleinstadt, gelegen in 3200m Höhe mitten in den Anden Perús. Es ist ein Zentralort in einer überwiegend weidewirtschaftlich genutzten Region, mit einzelnen weit verstreuten und z.T. sehr schwer zugänglichen Dörfern, deren Bewohner Indios sind und Ackerbau auf sehr kleinen Feldern, ihren chacras, betreiben. Viele von ihnen leben am Rande des Existenzminimums.

Eine halbe Stunde vom Stadtzentrum Puquios, der Plaza de Armas, entfernt gelangt man zu einem Gebäude mit einem Namen, der uns allen vertraut ist:


Das Erziehungszentrum "Immanuel Kant"
Das Erziehungszentrum "Immanuel Kant"


Das Erziehungszentrum für behinderte Kinder ist ebenfalls nach Immanuel Kant benannt, um die Verbundenheit mit unserer Schule und auch Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen: Ohne unsere finanzielle Unterstützung hätte es nicht gebaut werden können.

In dieser Erziehungseinrichtung haben behinderte Kinder einen Ort gefunden, an dem sie menschenwürdiger leben und aufwachsen und entsprechend ihren Fähigkeiten lernen können. Die Behinderungen der Kinder sind vielfältiger Art: Sie leiden an geistiger Retardierung, Hör- und Sprachschwierigkeiten, Verhaltensstörungen, motorischen Problemen. Eine Differenzierung nach einzelnen Behinderungen gibt es nicht.

Das Erziehungszentrum besteht aus einer Sonderschule und einem Heim für obdachlose und verwaiste Kinder sowie Kinder, deren Eltern sich nicht angemessen um sie kümmern können. Die Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer ist das Einzige, was der Staat an Kosten übernimmt (ein Lehrer verdient umgerechnet etwa 250,- € pro Monat).

Das Kinderheim, bisher noch in den Räumlichkeiten der Schule untergebracht, ist ausschließlich auf Spenden angewiesen.


Ein neues Kinderheim entsteht...

In einer Schule lernen und rund um die Uhr leben – in Deutschland eine undenkbare Situation. Aber Perú ist anders – die Eingliederung eines Heims in die Schule wurde akzeptiert, niemand nahm Anstoß daran. Dennoch wurde den Peruanern mit der Zeit klar, dass dies auf Dauer ein unhaltbarer Zustand war. Eine Lösung zu finden war nicht einfach, denn es waren zwei Hürden zu nehmen: Während die Schule dem Erziehungsministerium unterstellt ist, fehlte lange eine für das „Heim“ verantwortliche Instanz. Deswegen wurde im April 2005 ein Patronato (eine Art Verein) ins Leben gerufen, der in Zukunft als Träger des Heims fungiert. Frau Müller hat an dieser Vereinsgründung teilgenommen und das Kant-Gymnasium repräsentiert.

Weiter war eine klare Trennung von Schule und Heim, von Lernen und Leben notwendig, wenn beide Institutionen effektiv arbeiten wollten. Das aber bedeutete nichts anderes als ein neues Heim zu bauen, wozu natürlich jegliche finanzielle Mittel fehlten. Auch wir als Schule konnten die dafür erforderliche Summe nicht aufbringen. Da kamen uns zum rechten Zeitpunkt die „Westfälischen Nachrichten“ zu Hilfe: Im Mai hatten wir uns um die Aufnahme in die vorweihnachtliche Spendenaktion 2005 beworben – mit Erfolg!! Im Rahmen dieser Aktion wurde ein Betrag von fast 44000,- € erzielt, genug, um mit dem Bau eines neuen Heims beginnen zu können. Zu dieser erfreulichen Summe haben auch viele Schülerinnen und Schüler des Kant-Gymnasiums mit unterschiedlichen Aktivitäten beigetragen. Nicola Borgmann, die Tochter unseres früheren Schulleiters Winfried Borgmann, entwarf gemeinsam mit ihrem Mann die Baupläne (unentgeltlich) und im Mai 2006 wurde der Neubau in Angriff genommen und machte erstaunlich schnell Fortschritte.


Der Neubau (mit Dach) im Dezember 2006
Der Neubau (mit Dach) im Dezember 2006


Ende 2006 war der Rohbau fertiggestellt, rechtzeitig vor dem Einsetzen der Regenzeit. Im April / Mai 2007 soll mit Beginn der Trockenzeit weitergemacht und vor allem die Innenausstattung in Angriff genommen werden. Hierzu müssen allerdings noch weitere finanzielle Mittel aufgebracht werden. Jeder Euro hilft uns da weiter...


Deutsch-Peruanische Zusammenarbeit – eine Form der Globalisierung...

Von Anfang an haben wir unsere Arbeit verstanden als Hilfe zur Selbsthilfe, ein Prinzip, das für eine nachhaltige Entwicklung unerlässlich ist. Dabei deckt sich unsere Zielrichtung mit dem Verständnis von globalem Lernen des Verbandes VENRO (Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen): „Globales Lernen zielt auf die Ausbildung indi-dueller und kollektiver Handlungskompetenz im Zeichen weltweiter Solidarität. Es fördert die Achtung vor anderen Kulturen, Lebensweisen und Weltsichten (...) und befähigt dazu, für gemeinsame Probleme zukunftsfähige Lösungen zu finden“. So war auch der Bau eines neuen Heims für behinderte Kinder in Puquio nur möglich auf Grund unserer intensiven und ständigen Kontakte mit den Peruanern. Die Hauptverantwortung für den Bau lag und liegt bei dem für diese Region zuständigen Bischof, Monsenor Juan Carlos Vera Plasencia, der die Schirmherrschaft übernommen hat und auch in Zukunft dieses Projekt weiter betreuen wird. Frau Müller reist einmal im Jahr nach Puquio um sich vor Ort ein Bild von den Fortschritten zu machen und vor allem um den Kontakt mit den Peruanern zu intensivieren.

Innerhalb des Kant-Gymnasiums ist besonders das Puquio-Team zu nennen: Das unermüdliche und selbstverständliche Engagement aller Mitglieder (aus den Jahrgangsstufen 7-13) zeigt Verantwortungsbewusstsein und uneigennützige Einsatzbereitschaft. Sie fühlen sich in lobenswerter Weise den Bedürfnissen behinderter Kinder auf der anderen Seite unserer Einen Welt verpflichtet. Aber auch viele andere Schülerinnen und Schüler des Kant-Gymnasiums übernehmen ganz konkret Verantwortung für diese Kinder, so z.B. die Helfer beim Verkauf von Kaffee und Kuchen bei Elternsprechtagen bzw. dem Getränkeverkauf bei schulischen Musical- oder Theateraufführungen.

Auch die Schüler der Jahrgangsstufe 13 haben bei ihrer Weihnachtsfeier 2006 das Puquio-Projekt einbezogen und einen erheblichen Teil des Erlöses den behinderten Kindern zukommen lassen. Ebenso trägt unser Verein „Hilfsprojekt Puquio“, dem Eltern, Lehrer sowie ehemalige Schüler angehören, entscheidend zur Förderung bei (Mindestbeitrag 3,- € pro Monat, neue Mitglieder sind jederzeit herzlich willkommen!). So ist der Bau des neuen Heims ein schöner Beweis für das Gelingen einer deutsch-peruanischen Zusammenarbeit.

Das Puquio-Projekt zielt auf die konkrete Verbesserung der Lebensbedingungen behinderter Kinder und bietet unseren Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten zum globalen Lernen, zur Entwicklung sozialer Kompetenzen, zu interkultureller Toleranz und Solidarität. Und es ermöglicht ihnen, eigene und fremde Lebenswelten mit anderen Augen zu sehen.