|
Gegenwärtige Situation
im Erziehungszentrum "Immanuel Kant"
Die Schule
Die Schule wird offiziell nicht als sonderpädagogische Einrichtung, sondern als reguläre Primarschule geführt und untersteht als solche dem Erziehungsministerium, das aber lediglich für die Gehälter der Lehrer aufkommt (ein Lehrer verdient umgerechnet etwa 250,-E pro Monat). Mobiliar, Schreib-und Zeichenmaterial muss von uns bezahlt werden.
Der Unterricht kann nicht an deutschen Maßstäben gemessen werden. Inhalte sind nicht in erster Linie kognitiver Art, sondern umfassen z.B. Aktivitäten des täglichen Lebens wie Körperpflege, Hygiene, Tischmanieren, Höflichkeitsregeln und dann auch, je nach individuellen Fähigkeiten der Kinder, Lesen, Schreiben, Rechnen, Malen. Auf einer zweiten Ebene wird versucht, den Kindern Grundkenntnisse und – fertigkeiten in den Bereichen Gartenbau (Schulgarten), „Kleintierzucht“ (z.B. Kaninchen, Meerschweinchen), Basteln (Schlüsselanhänger anfertigen, Perlen auf eine Schnur ziehen) beizubringen. So werden ihnen kleine Erfolgserlebnisse ermöglicht, die sich positiv auf ihr Selbstwertgefühl auswirken und ihre Selbstständigkeit fördern. Das Ziel der Ausbildung richtet sich darauf, behinderte Kinder so weit wie möglich in eine Gemeinschaft zu integrieren. Dabei wird natürlich die individuelle Förderung durch die fehlende Differenzierung nach einzelnen Behinderungen beeinträchtigt.
Dass sich die Schule etabliert hat und auf zunehmende Akzeptanz nicht nur in Puquio, sondern auch in der näheren und weiteren Umgebung stößt, ist vor allem dem Engagement der acht Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken, die sich nach Kräften für die Kinder einsetzen, allerdings lediglich über eine Primarschulausbildung verfügen. Möglichkeiten der Fortbildung werden (verständlicherweise) nur begrenzt wahrgenommen, da sie für anfallenden Kosten selbst aufkommen müssen, was bei einem Gehalt von 250,-E kaum zumutbar ist. Da für das Heim Personal fehlt, müssen sie über ihre eigentliche Tätigkeit hinaus die Kinder auch außerhalb des Unterrichts betreuen ohne finanzielle Entschädigung.
Das Kinderheim
Auch wenn dringender Bedarf an fachlich geschultem Personal nach wie vor besteht, erlaubt die Infrastruktur der Schule doch einen relativ reibungslosen Unterrichtsbetrieb. Deswegen richtet sich die gegenwärtige finanzielle Unterstützung seitens des Kant-Gymnasiums in erster Linie auf das Kinderheim.
Bis heute ist dieses Heim in den Räumlichkeiten der Schule untergebracht und bietet Platz für etwa 12 Kinder. Für einige von ihnen ist das Heim ihr ständiges Zuhause, während andere zumindest das Wochenende und die Ferien bei ihren Eltern verbringen können. Sie werden so gut es geht mit allem versorgt, was sie benötigen, wie Nahrung (für die Essenszubereitung ist mittags eine Köchin eingestellt) , Kleidung, Medizin, ärztliche Versorgung (die häufig in Lima stattfinden muss – eine Krankenversicherung für die Kinder gibt es nicht, wodurch zusätzliche Kosten entstehen). Da der Staat keine Unterstützung leistet, ist das Heim ausschließlich auf Spenden angewiesen, überwiegend auf Spenden des Kant-Gymnasiums. Auch die Eltern sind zu arm, als dass sie für den Aufenthalt ihrer Kinder aufkommen könnten.
Während die Schule dem Erziehungsministerium unterstellt ist, fehlte bis April 2005 eine Instanz, die für das Heim verantwortlich zeichnete. Deswegen wurde im April 2005 ein Patronato (eine Art Verein) ins Leben gerufen, das nun als Träger des Heims fungiert und dessen Vorsitzender Salomón Dúmet (früherer Leiter der Schulaufsichtsbehörde in Puquio) nun unser direkter Ansprechpartner ist., zu dem regelmäßiger Kontakt besteht und der uns über die Angelegenheiten des Heims informiert. Weiter gehören dem Patronato vier interessierte und engagierte Puquianer an, die auch über die nötige Fachkompetenz verfügen, um sich für die Belange des Heims stark zu machen.
Notwendigkeit der Trennung von Schule und Heim
Seit zwei Jahren wurden Überlegungen angestellt zur Trennung dieser beiden Erziehungseinrichtungen, was auf den Bau eines neuen Kinderheims abzielte. Wegen fehlender finanzieller Möglichkeiten konnte dies zunächst nicht verwirklicht werden. Die Gründung des Patronatos im April 2005 ermutigte aber sowohl die Peruaner als auch das Immanuel-Kant-Gymnasium zu einem weiteren Vorstoß in dieser Richtung.
Eine Trennung von Schule und Heim war aus folgenden Gründen dringend erforderlich:
- Schule und Heim sind zwei Institutionen mit unterschiedlicher Zielsetzung: eine Verbindung beider wie in Puquio kann den Bedürfnissen behinderter Kinder auf Dauer nicht genügend gerecht werden.
- Die Lehrer werden von zusätzlicher Arbeit (Rundumbetreuung behinderter Kinder, für die sie nicht ausgebildet sind) entlastet und können sich gezielt auf die schulische Förderung der individuellen Begabungen und Fähigkeiten der Kinder konzentrieren.
- Der Neubau eines Heims soll den Bedürfnissen behinderter Kinder entsprechen und ihnen ein Umfeld bieten, in dem sie sich wohl fühlen und auch entsprechend ihren Behinderungen therapiert werden. Beides ist bisher nur sehr begrenzt möglich.
- Ein eigenständiges Heim ermöglicht die Einstellung von qualifiziertem Personal, das über eine entsprechende sonderpädagogische Ausbildung verfügt. Deswegen sollte das Heim möglichst auch über einen angemessen ausgestatteten Therapieraum verfügen.
- Der Bau eines neuen Heims wäre in Puquio und der gesamten Umgebung ein sichtbares Zeichen für die Menschenwürde behinderter Kinder, die nicht unproduktiv noch eine Strafe Gottes sind, sondern die gleichen Rechte haben wie andere Kinder.
- Es besteht nachweislich ein Bedarf an weiteren Heimplätzen nicht nur in Puquio selbst, sondern auch in der weiteren Umgebung.
- Eine wesentliche Voraussetzung für einen Neubau und damit für die Trennung von Schule und Heim, von Lernen und Wohnen, wurde im April 2005 mit der Gründung des Patronatos gelegt auch als zukünftiger Träger des Kinderheims. Die Mitglieder haben sich verpflichtet, sich für die Belange dieser Institution einzusetzen. Dies ist allerdings nur möglich mit finanzieller Hilfe von außen (Hilfe zur Selbsthilfe als unverzichtbares Prinzip nachhaltiger Entwicklung.
Spendenaktion der "Westfälischen Nachrichten" 2005
Das Geld für den Bau eines neuen Kinderheims konnten wir als Schule nicht aufbringen. Genau zum richtigen Zeitpunkt hat uns eine führende Tageszeitung Münsters, die „Westfälischen Nachrichten“, bei unserem Vorhaben entscheidend unterstützt, indem sie unser Puquio-Projekt in die vorweihnachtliche Spendenaktion 2005 aufgenommen hat. Dabei kam eine Summe von 43732,- € zusammen, genug, um in Puquio mit dem Bau eines neuen Heims zu beginnen.
Eine Schule mit Betten drin
von Klaus Baumeister
WN-Spendenaktion: Puquio / Ein-Euro-Projekt
Münster-Hiltrup. Für einen Euro kann man sich in Puquio 30 Brötchen kaufen. Die elfjährige Gina Andrade aus der Klasse 6a des Hiltruper Kant-Gymnasiums erwähnt dieses Beispiel nicht ohne Grund. Denn die Kinder in der peruanischen Partnerschule sind bitterarm. Bei einem Euro im Monat bestünde die Chance, an jedem Tag ein Brötchen zu essen. Also überlegt, ob ihr einen Euro im Monat erübrigen könnt, appelliert Gina an die Schüler der Klasse 5b, wo sie gerade mit ihren Schulkameraden Jenny Pamme, Lukas Beierer und Maren Schüler einen Vortrag hält. Unsere Freunde in Puquio können das Geld gut gebrauchen.
Unsere Freunde, das sind 40 behinderte Kinder in dem Erziehungszentrum Immanuel Kant in Puquio. Die Behinderten leben dort, weil sich weder der Staat noch die Familien um sie kümmern.
Das Zentrum ist eine Schule mit Betten drin, macht Jenny den anderen Schülern klar, wie der primitive Internatsbetrieb funktioniert. Die Lehrer sind zugleich auch die Betreuer. Und das alles für nur 250 Euro Gehalt im Monat.
Seit Jahren hält die Kant-Lehrerin Gabriele Müller persönlich Kontakt zu der Partnerschule. Im Rahmen der WN-Spendenaktion ist geplant, für die Behinderten eine eigene Unterkunft zu bauen.
Derweil wollen die Kant-Schüler mit einer Ein-Euro-Aktion dafür sorgen, dass die Kinder das Nötigste zum Leben bekommen. Jenny, Lukas, Gina und Maren wandern derzeit durch die Klassen der Unterstufe, um dafür zu werben. Ein wenig aufgeregt bin ich schon, wenn mich vorn an die Tafel stellen muss und etwas erzählen soll, gesteht Maren. Aber sie habe im Religionsunterricht einiges über Puquio erfahren und sei überzeugt davon: Das ist eine gute Sache.
Fragen werden in der Klasse 5b laut. Warum wurden die Kinder verstoßen?, möchte ein Mädchen wissen. Lukas antwortet: Viele Peruaner betrachten Behinderte als eine Strafe Gottes.
Bestehe die Möglichkeit, eigene Aktionen zu Gunsten der WN-Hilfe zu starten, will ein anderer Fünftklässler wissen. Natürlich, antwortet Gabriele Müller, aber bitte erst mit euren Eltern reden.
Fotos aus Puquio werden per Tageslichtprojektor gezeigt: spartanisch eingerichtete Räume, unbefestigte Straßen. Es wird ruhig in der Klasse. Man merkt, dass den Schülern bewusst wird, welches Privileg sie genießen, das Hiltruper Kant-Gymnasium zu besuchen und nicht die gleichnamige Partnerschule am anderen Ende der Welt.
Am Ende des Vortrages schlüpft Jenny in die Rolle einer Lehrerin und fragt die 5a: Was würde euch fehlen, wenn ihr auf einen Euro im Monat verzichten müsstet? Die spontane Reaktion eines Jungen: Nichts!
Samstag, 03. Dezember 2005, Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)
Finanz-Expertin mit sozialer Ader
von Klaus Baumeister
Stadt-Silhouette der Kleinstadt Puquio
Münster-Hiltrup. So klein ist die Welt. Die BHW-Finanz-Beraterin Melanie Haider hatte im Februar eine Kundin bei sich im Büro sitzen, die ihr irgendwie bekannt vorkam: Gabriele Müller.
Sehr schnell wussten die beiden, was sie verbindet: das Kant-Gymnasium in Hiltrup. Müller arbeitet dort als Lehrerin, Haider erwarb dort 1996 das Abitur. Ich hatte nie bei Gaby Müller Unterricht, nennt die Hiltruperin Haider den Grund, warum der Groschen nicht sofort gefallen war.
Doch den getrennten Wegen aus der Schülerzeit sollten die gemeinsamen Wege als Erwachsene folgen. Der Grund: Gaby Müller schwärmte bereits bei unserem ersten Gespräch von Peru und dem Projekt in Puquio.
Während der eigenen Schulzeit hatte Melanie Haider von der Partnerschule in Peru nicht viel mitbekommen. Jetzt aber engagiert sie sich umso mehr für das Kinderheim in Puquio, das mit Hilfe der WN-Spendenaktion errichtet werden soll. Melanie Haider, die früher bei den Pfadfindern in Hiltrup aktiv war und nach eigenem Bekunden eine soziale Ader hat, ist nicht nur die Kassenwartin im Puquio-Förderverein, sondern unterstützt als Organisations-Chefin die Arbeit der Puquio-Gruppe am Kant-Gymnasium. Es ist ein schönes Gefühl, auf diesem Wege etwas für die alte Schule zu tun, berichtet die studierte Betriebswirtin.
Haider sorgt dafür, dass Fotos aus Peru digitalisiert werden, hilft bei der Erarbeitung von Schulmaterialien und bastelt derzeit am Internet-Auftritt.
Wie es sich für eine Ökonomin gehört, verwaltet sie zudem das Spendenkonto und kümmert sich um die Spenderbetreuung. Doch bei aller Lust am Organisieren: Die Arbeit in der Puquio-Gruppe ist für Melanie Haider kein Selbstzweck. Vielmehr ist die junge Frau überzeugt davon, dass es sich lohnt, für das Kinderheim in Puquio zu kämpfen.
Konkret setzen sich das Kant-Gymnasium gemeinsam mit den WN dafür ein, dass für rund 40 geistig und körperlich behinderte Kinder eine Unterkunft gebaut wird. Derzeit übernachten sie mangels Alternative in der Partnerschule des Kant-Gymnasiums.
Dienstag, 15. November 2005, Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)
Die Menschen teilen das Wenige, das sie haben
von Klaus Baumeister
Gabriele Müller (hintere Reihe, M.) hält seit Jahren im Auftrag des Kant-Gymnasiums Kontakt zu einer Behinderteneinrichtung in Peru. Jetzt will das Kant-Gymnasium einen Neubau unterstützen.
Münster-Hiltrup. In den Osterferien fliegt Gabriele Müller, Lehrerin am Immanuel-Kant-Gymnasium in Hiltrup, regelmäßig nach Peru. In der peruanischen Kleinstadt Puquio leben viele Freunde von ihr. Es ist immer ermutigend zu erfahren, wie Solidarität unter armen Menschen funktioniert, berichtet Müller. Die Menschen haben nicht viel, aber das Wenige teilen sie.
Jetzt haben sich Gabriele Müller und ihre Puquio-Gruppe am Kant-Gymnasium Großes vorgenommen. Im Rahmen der WN-Spendenaktion wollen sie den Bau eines Zentrums für rund 40 behinderte Kinder fördern. Die Not ist groß, denn Behinderte gelten in Peru als minderwertig, berichtet Malte Spiegelberg (16), Kant-Schüler und Vorsitzender der Puquio-Gruppe.
Seit 1987 gibt es zwischen Puquio und dem Kant-Gymnasium eine enge Beziehung. Der damalige Schulleiter Winfried Borgmann nahm auf Vermittlung der Hiltruper Missionare Kontakt mit der Schule von Puquio auf. In den Folgejahren wurden verschiedene Baumaßnahmen gefördert, unter anderem ein Kinderheim.
Übrigens: Die Kant-Schüler sind auch selbst aktiv für Puquio. Anlässlich des Elternsprechtages am Kant-Gymnasium am 2. und 3. November verkaufen sie Kaffee, Kuchen und Waffeln. Der Erlös wandert auf das WN-Spendenkonto.
Dienstag, 01. November 2005, Quelle: Westfälische Nachrichten (Münster)
Bau eines neuen Kinderheims in Puquio
In den Osterferien 2005 besuchte Frau Müller, die Leiterin unseres Projekts, Puquio. Im Rathaus fand gemeinsam mit den Mitgliedern des Patronatos, dem Bürgermeister, dem Leiter der Schulaufsicht, den Lehrerinnen und Lehrern des Erziehungszentrums sowie eines Journalisten und eines Architekten eine Besprechung statt, um über das geplante Bauvorhaben zu beraten. Alle waren sich einig, möglichst zügig zu beginnen. Die Peruaner stellten Überlegungen an, was sie selbst an Arbeit und Material beisteuern könnten. Sie fühlten sich zunehmend für die Baumaßnahme verantwortlich und waren von der Notwendigkeit überzeugt, sich für behinderte Kinder einzusetzen. Ein schöner Erfolg!
Anschließend wurde das Gelände besichtigt, auf dem gebaut werden sollte. Der Vorsitzende des Patronatos, Don Salomón Dúmet, hatte mit der Stadtverwaltung verhandelt, die dann ein Gelände neben dem Erziehungszentrum für den Bau zur Verfügung gestellt hat.
Nicola Borgmann, die Tochter unseres früheren Schulleiters Winfried Borgmann, und ihr Mann Georg Götze haben die Pläne für das neue Kinderheim entworfen, unentgeltlich – auf diese Weise konnten wir eine Menge Geld sparen. Danke, Nicola und Georg!
Im Mai wurde unter Leitung des Architekten Dante Guerrero - der Bischof dieser Region hat ihn damit beauftragt - mit dem Bau begonnen.
Der Neubau im Oktober 2006
Zunächst war jede Menge Sand notwendig, um das sehr unebene Gelände zu planieren. Und dann ging es richtig los und der Bau machte Fortschritte.
Der Rohbau soll bis Ende des Jahres fertiggestellt werden. Damit ist dann auch das Geld der Spendenaktion aufgebraucht. Für die Inneneinrichtung hoffen wir auf Zuschüsse des Kindermissionswerk in Aachen.
Der Neubau im Oktober 2006
Der Bau eines Heims für behinderte Kinder wird in Puquio ein äußeres Zeichen dafür sein, dass diese Kinder ernst genommen und gestärkt werden und keine „Strafe Gottes“ sind, sondern die gleichen Rechte haben wie andere auch.
Sie bekommen mit dem Heim ein neues Zuhause, auf das sie ein Anrecht haben und in dem sie unter kindgemäßen Bedingungen leben und aufwachsen, ihre je eigenen Begabungen und Fähigkeiten entfalten können und in eine Gemeinschaft integriert werden.
Der Neubau (mit Dach) im Dezember 2006
Der Neubau (mit Dach) im Dezember 2006
weitere Bilder...
|
|