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Auf nach Puquio...

Ein Flugzeug startet in Frankfurt, gewinnt an Höhe und nähert sich dem atlantischen Ozean – den gilt es zu überfliegen, Richtung Südwesten, stundenlang, um den südamerikanischen Kontinent zu erreichen. Und wenn dann Land in Sicht kommt mit einigen vorgelagerten kleineren Inseln, wird der Blick nach unten bald eingefangen von einem weichen, grünen Teppich – durchzogen von schlangenähnlichen Bändern, wie eingewebt in diesen Teppich – der Urwald mit den zahlreichen Nebenflüssen des Amazonas. Dann, ebenfalls nach Stunden, wieder ein anderes Bild: Die riesige, von Norden nach Süden verlaufende Bergkette der Anden, die überquert werden müssen, um den anderen, noch größeren Ozean zu erreichen, den Pazifik. Kommt dieser in Sicht, ist das Ziel in Perú erreicht. Noch eine weite Kurve dreht das Flugzeug über dem pazifischen Ozean – wobei es die glatte Wasseroberfläche fast zu berühren scheint – bevor es bei einbrechender Dunkelheit auf dem Flughafen in Lima landet, der Hauptstadt des Landes, in dem es eine Schule und ein Heim gibt, die ebenfalls nach Immanuel Kant benannt sind.

Aber um zu diesem Erziehungszentrum zu gelangen, bedarf es noch einer weiteren etwa zwölfstündigen Reise – diesmal mit dem Bus, der am nächsten Nachmittag bei Temperaturen um 30° in Lima losfährt, bis auf den letzten Platz gefüllt mit Peruanern aller Altersstufen, die beladen sind mit Taschen, Beuteln, Koffern. Pech haben die, die später zusteigen – ihnen bleibt nur ein Stehplatz im Mittelgang.

Die Route führt zunächst auf der Panamericana am Pazifik entlang: der gesamte Küstenstreifen ist eine Wüstenlandschaft, da es hier nie regnet. Nur da, wo Flüsse ins Meer münden, wo es also Wasser gibt, haben sich kleinere Ortschaften oder auch Städte entwickelt. Trotzdem wird es überhaupt nicht langweilig: Die rotglühende, langsam über dem Pazifik untergehende Sonne lässt die Stein- und Granithügel, die sich aus der Wüste erheben, in unterschiedlichsten Farbtönen aufleuchten. Manchmal sind nur einzelne Hütten zu sehen (Häuser kann man das kaum nennen) und die Frage taucht auf, wovon die Menschen leben – ohne Elektrizität und fließendes Wasser. Vor einigen Behausungen spielen Kinder mit ziemlich zerfledderten Bällen Fußball, barfuß, zerlumpt. Einige winken dem vorbeifahrenden Bus zu, der nach etwa drei Stunden die Panamericana verlässt und den Weg einschlägt ins Landesinnere. Es wird jetzt schnell dunkel und die Berge der Anden sind nur schemenhaft zu erkennen. Allmählich stellt sich auch ein Hungergefühl bei den meisten Mitreisenden ein und jede Menge choclos con queso, Maiskolben mit Käse werden ausgepackt und verspeist. Dazu gibt es das Nationalgetränk Perús, die Inka-Kola. Einige Europäer finden, dass sie wie flüssige Gummibärchen schmeckt.

An den Haltestationen wird die Gelegenheit genutzt zum Verkauf von weiteren choclos, Mangos, Weintrauben. Auch Kinder, sechs, sieben, acht Jahre alt, steigen in den Bus und verkaufen das, was sie gerade haben: Mangos, Mangos, ganz süß, nur ein Sol (etwa 15 Cent) das Stück. Mit einer Behendigkeit, die lange Übung verrät, winden sie sich durch den Mittelgang des Busses, steigen über Gepäckstücke, die auf dem Boden stehen, an Männern und Frauen auf dem Mittelgang vorbei und schaffen es auch noch, Geldstücke in Empfang zu nehmen bzw. zurückzugeben. Diese Kinder tun dies nicht freiwillig, sondern sind gezwungen mitzuverdienen und ihre Familien zu unterstützen. Ob sie regelmäßig zur Schule gehen? Sicher nicht, schließlich ist wichtiger, dass ihre Familien am nächsten Tag ein paar Soles mehr haben, um vielleicht eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bringen. Inzwischen lässt die Dunkelheit von der so faszinierenden Berglandschaft der Anden nichts mehr erkennen. Nur die sinkenden Temperaturen zeigen an, dass es immer höher hinauf geht. Warme Kleidung ist jetzt angesagt. Bis zu einer Höhe von 4000 Metern muss sich der Bus hocharbeiten, dann befindet er sich auf dem höchsten Punkt unserer Reise, auf der eisig kalten Hochebene der Pampa Galeras. Nun geht es wieder etwas bergab. Der Busfahrer nimmt die vielen Kehren mit einer manchmal atemberaubenden Geschwindigkeit, zumal es die für Europäer gewohnten Absicherungen in Form von Leitplanken nicht gibt. Aber no pasa nada – es passiert schon nichts.

Zwischen 3.00 und 4.00 Uhr morgens tauchen plötzlich weit entfernt Lichter in der Dunkelheit auf, die hinter einer Kehre verschwinden, nach der nächsten aber wieder auftauchen und allmählich näher kommen. Dann, etwa um 5.00 Uhr morgens, passiert der Bus einen Ortseingang. Das Schild mit der Aufschrift "Puquio" verrät, dass wir angekommen sind, ohne Reifenpanne diesmal. Kalt ist es draußen und die Peruaner hüllen sich eng in ihre Ponchos. Fröstelnd und zähneklappernd versucht jeder, sein Gepäck zu ergattern, bevor sich alle aufmachen zu den Häusern ihrer Familien oder Freunde.

Die Dunkelheit verdeckt die Armut, die für fast alle Teil ihres Lebens ist. Keine warme Dusche, keine Heizung erwartet sie, in vielen Häusern gibt es keinen richtigen Fußboden, nur festgestampfte Erde. Und fließendes Wasser ist auch nicht selbstverständlich. Aber vielleicht findet sich noch etwas Wasser in den Behältern, in denen Regenwasser aufgefangen wird – sofern gerade Regenzeit ist. Sorgsamer Umgang mit dem Wasser ist selbstverständlich, vergeudet werden darf es nicht, dazu ist es zu kostbar und – sofern man es kaufen muss – auch zu teuer.

Nach einer Stunde, ungefähr um 6.00 Uhr, geht die Sonne auf und scheint auf die Häuser, Straßen, Läden Puquios, die eines sofort erkennen lassen: diese Stadt, in 3200 Metern Höhe in den Anden gelegen, ist anders als das, was wir gewohnt sind. Europa, Deutschland, Münster, Annehmlichkeiten, Bequemlichkeiten, die uns so selbstverständlich sind, all das ist weit weg. Und doch, wenn man sich vom Stadtzentrum, der Plaza de Armas, auf den Weg macht und eine halbe Stunde stadtauswärts läuft, gelangt man zu einem Gebäude mit der Aufschrift: Centro de Educación Especial y Hogar de Menores Immanuel Kant – Erziehungszentrum und Heim für behinderte Kinder Immanuel Kant.